Katzengedichte: eine kuratierte Sammlung großer Katzenlyrik
Kaum ein Tier hat die Literatur so beharrlich begleitet wie die Katze: als Sinnbild für Unabhängigkeit, als stiller Beobachter, manchmal auch als Ärgernis. Vom französischen Symbolismus über die Wiener und Berliner Moderne bis zum humoristischen Vers des frühen 20. Jahrhunderts findet sich die Katze immer wieder als Motiv, mit dem Autorinnen und Autoren etwas über sich selbst, über Beobachtung oder über das Unfassbare erzählen. Diese Auswahl versammelt sechs gemeinfreie Gedichte aus mehreren Jahrhunderten, jeweils mit kurzer Einordnung und mit Angabe der Lebensdaten, damit die Gemeinfreiheit nachvollziehbar bleibt.
Übrigens: Auch katzen-online.de hatte um die Jahrtausendwende bereits eine Rubrik mit Katzengeschichten. Dieser Artikel knüpft daran thematisch an, übernimmt aber keine Inhalte aus jener Zeit, sondern stellt eine komplett neue, eigenständige Auswahl klassischer Werke vor.
Charles Baudelaire: “Die Katze”
Charles Baudelaire (1821-1867) widmete der Katze gleich mehrere Gedichte in seinem Skandalwerk “Les Fleurs du Mal” (Die Blumen des Bösen, 1857). In “Die Katze” verschmelzen Sinnlichkeit und Beobachtung: Das lyrische Ich betrachtet das Tier nicht als Haustier, sondern als eigenständiges, fast geisterhaftes Wesen, dessen Blick etwas Rätselhaftes, kaum Fassbares zurückwirft.
Eine gemeinfreie deutsche Übersetzung stammt von Stefan George (1868-1933), der zwischen 1891 und 1901 an seiner Nachdichtung der “Blumen des Bösen” arbeitete. Georges Version ist eigenwillig und dicht, weniger eine wörtliche Übertragung als eine eigenständige Annäherung an Baudelaires Bildsprache - typisch für Georges Verständnis von Übersetzung als eigener künstlerischer Akt.
Christopher Smart: “Jubilate Agno” (Auszug über Kater Jeoffry)
Christopher Smart (1722-1771) schrieb den Passus über seinen Kater Jeoffry während einer Zeit in einer Anstalt für psychisch Kranke, vermutlich in den 1750er oder 1760er Jahren. Der Text blieb lange unveröffentlicht und wurde erst im 20. Jahrhundert als eigenständiges Gedicht bekannt und geschätzt.
Smart beschreibt in kurzen, listenartigen Versen jede einzelne Regung seines Katers: das morgendliche Waschen, das Strecken, das Jagen, das Spiel - und deutet darin fast ein religiöses Ritual. Der berühmte erste Vers lautet im Original schlicht: “For I will consider my Cat Jeoffry.” Es ist einer der frühesten Texte, in denen ein Autor das Alltagsverhalten einer Katze so genau und liebevoll protokolliert, dass daraus reine Poesie wird.
Rainer Maria Rilke: “Schwarze Katze”
Rainer Maria Rilke (1875-1926) näherte sich der Katze auf eine ganz andere Weise: nicht verspielt, sondern nahezu unheimlich. In “Schwarze Katze” wird das Tier zu einer Art Spiegel, in dessen Augen der Blick des Betrachters verschwindet, ohne je wieder zurückzukehren. Rilke nutzt die Katze hier als Bild für das Unerreichbare, für das, was sich Beobachtung und Sprache letztlich entzieht - typisch für seine Neigung, Tiere als Projektionsflächen für existenzielle Fragen zu nutzen.
Eduard Mörike: “Das Mausefallen-Sprüchlein”
Eduard Mörike (1804-1875) war für seinen feinen, oft heiteren Humor bekannt, der auch vor Katzen nicht haltmachte. In seinem “Mausefallen-Sprüchlein” spricht ein Kind zur aufgestellten Mausefalle und lädt die Mäuse scherzhaft zum nächtlichen Tanz ein - mit dem augenzwinkernden Hinweis, dass “die alte Katze wahrscheinlich mittanzt”. Die Katze taucht hier nicht als Hauptfigur, sondern als stille, aber unübersehbare Mitwisserin des kindlichen Spiels auf, ganz im Stil von Mörikes leichter, bildhafter Sprache.
Theodor Storm: “Von Katzen”
Theodor Storm (1817-1888), vor allem für seine Novellen bekannt, zeigt in “Von Katzen” seinen humoristischen Vers-Stil. Das Gedicht beginnt mit der Rettung von sechs Kätzchen vor dem Ertränken durch die Köchin: “Vergangnen Maitag brachte meine Katze zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen.” Ein Jahr später sind aus den geretteten Kätzchen selbst Muttertiere geworden, und das Haus quillt regelrecht über vor Katzenwelpen. Storm endet mit dem resignierten Stoßseufzer: “O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren. Was fang’ ich an mit sechs und funfzig Katzen!” Eine leise Selbstironie über die Folgen guter Absichten, in Reimform gegossen.
Joachim Ringelnatz: “Katze vor Anker”
Joachim Ringelnatz (1883-1934), selbst ehemaliger Seemann, verband in seiner Lyrik häufig maritime Motive mit Alltagsbeobachtungen und absurdem Witz. In “Katze vor Anker” setzt er dieses Prinzip auch bei der Katze fort: das Tier wird in eine ungewohnte, fast schifffahrtsbezogene Szenerie versetzt, die typisch ist für Ringelnatzens Vorliebe, Vertrautes mit leichter Hand ins Schräge zu verschieben. Seine Gedichte lesen sich bis heute erfrischend unprätentiös, nie akademisch überladen.
Warum diese Auswahl gemeinfrei ist
Alle genannten Autoren sind seit mehr als 70 Jahren verstorben, damit sind ihre Werke nach deutschem Urheberrecht gemeinfrei. Bei Stefan Georges Übersetzung von Baudelaire gilt dasselbe: George starb 1933, seine Übersetzung von 1901 ist damit ebenfalls seit Langem gemeinfrei. Diese Regel unterscheidet sich bewusst von neueren Übersetzungen oder Werken lebender Autorinnen und Autoren, deren Rechte noch bestehen und die deshalb hier nicht auftauchen - so bekannt und beliebt manche davon auch sein mögen.
Wer sich für die vollständigen Texte interessiert, findet sie über digitale Bibliotheken wie das Deutsche Textarchiv, Wikisource oder Project Gutenberg. Dort lassen sich die Originalfassungen nachlesen, oft ergänzt um Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte und zu zeitgenössischen Ausgaben.
Ein Blick über die Grenzen der Lyrik hinaus
So unterschiedlich die sechs Gedichte im Ton sind, so viel verbindet sie auch: Alle sechs Autoren beobachten ihre Katzen sehr genau, bevor sie über sie schreiben. Baudelaires Rätselhaftigkeit, Smarts fast andächtiges Protokollieren, Rilkes Bild vom verschwindenden Blick, Mörikes leiser Humor, Storms Ironie über die eigene Gutmütigkeit und Ringelnatzens schräge Alltagsverschiebung - sie alle setzen voraus, dass man eine Katze wirklich betrachtet hat, statt sie nur beiläufig zu erwähnen. Das ist vielleicht der eigentliche gemeinsame Nenner dieser Sammlung, quer durch mehr als hundertfünfzig Jahre Literaturgeschichte.
Wer sich neben der Literatur auch für die Geschichte der Katze als Haustier interessiert, findet einen guten Einstieg unter Geschichte der Hauskatze. Mehr rund um Katzenwissen und weitere Themen versammelt der Bereich Katzenwissen. Wer sich gerade mit dem Verlust einer Katze auseinandersetzt, findet einfühlsame Begleitung unter Abschied von der Katze.
Häufige Fragen
- Welche bekannten Dichter haben Katzengedichte geschrieben?
- Unter anderem Charles Baudelaire, Christopher Smart, Rainer Maria Rilke, Eduard Mörike, Theodor Storm und Joachim Ringelnatz. Die Katze war für viele Autorinnen und Autoren ein Sinnbild für Unabhängigkeit, Rätselhaftigkeit und stille Beobachtung.
- Sind die Gedichte in dieser Sammlung urheberrechtlich frei nutzbar?
- Ja, alle vorgestellten Werke sind gemeinfrei: Die Urheberrechte sind erloschen, weil die Autoren beziehungsweise Übersetzer seit mehr als 70 Jahren verstorben sind. Bei jedem Gedicht sind Autor und Lebensdaten angegeben.
- Warum ist Christopher Smarts Katzengedicht auf Englisch?
- Smarts Text über seinen Kater Jeoffry ist Teil des Langgedichts 'Jubilate Agno' und wurde ursprünglich auf Englisch verfasst. Es zählt zu den bekanntesten Katzengedichten der Weltliteratur und wird hier im englischen Original mit deutscher Einordnung vorgestellt.
- Was hat katzen-online.de mit Katzenliteratur zu tun?
- Die Domain trug bereits um das Jahr 2000 eine Rubrik mit Katzengeschichten. Dieser Artikel knüpft thematisch daran an, übernimmt aber keine Inhalte aus jener Zeit, sondern stellt eine neue, eigenständige Auswahl klassischer, gemeinfreier Gedichte vor.