Die Geschichte der Hauskatze: von der Falbkatze zum Sofa
Die Hauskatze ist ein ungewöhnlicher Fall. Anders als Rind, Schaf oder Hund wurde sie vermutlich nicht gezielt gezähmt, sondern kam von selbst - weil es sich für sie lohnte.
Der Ursprung
Genetische Untersuchungen sind eindeutig: Alle heutigen Hauskatzen stammen von der Afrikanischen Falbkatze (Felis silvestris lybica) ab, einer schlanken, sandfarbenen Wildkatze aus Nordafrika und dem Nahen Osten.
Die Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris), die noch heute in deutschen Wäldern lebt, ist dagegen nicht die Stammform. Sie ist eine eigenständige Unterart, gedrungener gebaut, mit buschigerem Schwanz - und deutlich weniger zugänglich.
Das erklärt einiges am Verhalten der Hauskatze. Die Falbkatze ist ein Wüstentier: schwaches Durstgefühl, hohe Konzentrationsfähigkeit der Nieren, Flüssigkeitsaufnahme überwiegend über die Beute. Genau diese Eigenschaften machen heute die Fütterung zum Thema - siehe Nassfutter oder Trockenfutter.
Die Selbstdomestikation
Vor rund 10.000 Jahren begannen Menschen im Fruchtbaren Halbmond mit Ackerbau und Vorratshaltung. Getreidespeicher zogen Mäuse an, Mäuse zogen Katzen an.
Für die Falbkatze war das ein Angebot: verlässliche Beute in hoher Dichte, ohne die Konkurrenz und Gefahr des offenen Habitats. Für die Menschen war die Katze nützlich, ohne dass sie gefüttert oder trainiert werden musste. Diese beidseitig vorteilhafte Nachbarschaft gilt als Ausgangspunkt der Domestikation.
Der älteste konkrete Beleg für eine enge Bindung stammt aus Zypern: ein etwa 9.500 Jahre altes Grab, in dem ein Mensch zusammen mit einer Katze bestattet wurde. Da es auf Zypern keine einheimischen Wildkatzen gab, müssen Menschen das Tier auf die Insel gebracht haben.
Ägypten
Die bekannteste Station, aber nicht der Anfang. Im Alten Ägypten erreichte die Katze ab etwa 2000 v. Chr. eine kulturelle Stellung, die sie sonst nirgends hatte.
Die Göttin Bastet wurde mit Katzenkopf dargestellt und stand für Schutz, Fruchtbarkeit und Häuslichkeit. Katzen wurden mumifiziert - in Bubastis und anderen Fundstätten wurden große Mengen von Katzenmumien gefunden. Das Töten einer Katze konnte mit dem Tod bestraft werden.
Praktischer Hintergrund: In einer auf Getreide gegründeten Wirtschaft war der Schutz der Vorräte von existenzieller Bedeutung. Die religiöse Verehrung fiel mit einem handfesten Nutzen zusammen.
Die Ausfuhr von Katzen war offiziell untersagt - was ihre Ausbreitung über phönizische und griechische Handelsschiffe nicht verhinderte.
Rom, Europa, die Welt
Die Römer brachten Katzen in ihr gesamtes Reich, auch nach Germanien und Britannien. Auf Schiffen waren sie als Mäusejäger Standard - und reisten so über die Handelsrouten bis nach Ostasien und später mit den europäischen Schiffen nach Amerika und Australien.
Diese Verbreitung über Handelswege ist auch der Grund, warum Hauskatzen weltweit genetisch erstaunlich ähnlich sind.
Das europäische Mittelalter
Die dunkelste Phase der Katzengeschichte. Ab dem Hochmittelalter wurde die Katze - besonders die schwarze - zunehmend mit Aberglauben, Hexerei und dem Teufel in Verbindung gebracht. Es kam zu Verfolgungen und Tötungen.
Die verbreitete These, der daraus folgende Rückgang der Katzenpopulation habe die Ausbreitung der Pest begünstigt, wird heute differenzierter gesehen: Der Pesterreger wurde vor allem über Flöhe übertragen, und die Übertragungswege waren komplexer als das einfache Bild “weniger Katzen, mehr Ratten” nahelegt. Ein Zusammenhang ist plausibel, aber nicht so geradlinig, wie er oft erzählt wird.
Ab der frühen Neuzeit wandelte sich das Bild wieder. Auf Höfen, in Mühlen und Speichern war die Katze schlicht unentbehrlich.
Die moderne Rassezucht
Die gezielte Zucht von Katzenrassen ist ein sehr junges Phänomen. Sie begann erst im 19. Jahrhundert in England. Die erste große Katzenausstellung fand 1871 im Londoner Crystal Palace statt und gilt als Startpunkt der organisierten Rassekatzenzucht.
Das erklärt einen wesentlichen Unterschied zum Hund: Während Hunderassen über Jahrtausende für bestimmte Aufgaben gezüchtet wurden - hüten, jagen, bewachen - und sich dabei körperlich stark auseinanderentwickelten, ist die Katzenzucht kaum 150 Jahre alt und war fast ausschließlich auf Aussehen gerichtet.
Deshalb ähneln sich Katzenrassen im Körperbau viel stärker als Hunderassen, und deshalb ist eine Hauskatze ihrer wildlebenden Stammform noch sehr nah. Die Portraits der einzelnen Rassen stehen unter Katzenrassen.
Wie domestiziert ist die Katze?
Fachlich umstritten. Gegen eine vollständige Domestikation spricht:
- Hauskatzen unterscheiden sich genetisch nur geringfügig von der Falbkatze
- Sie können in vielen Regionen problemlos verwildern und sich selbst versorgen
- Ihr Jagdverhalten ist unverändert vorhanden, auch bei gut gefütterten Wohnungskatzen
- Es gab kaum Selektion auf Arbeitseigenschaften
Dafür spricht die deutlich erhöhte Toleranz gegenüber Menschen und gegenüber anderen Katzen auf engem Raum - eine Voraussetzung dafür, dass Mehrkatzenhaushalte überhaupt funktionieren.
Praktisch heißt das: In der Wohnung sitzt ein Tier mit weitgehend intaktem Jagd-, Revier- und Rückzugsverhalten. Wer das berücksichtigt, versteht besser, warum Beschäftigung, Rückzugsorte und ausreichend Ressourcen keine Extras sind, sondern Grundbedarf.
Häufige Fragen
- Von welchem Tier stammt die Hauskatze ab?
- Von der Afrikanischen Falbkatze, Felis silvestris lybica. Genetische Untersuchungen zeigen, dass alle heutigen Hauskatzen auf diese Unterart zurückgehen, nicht auf die Europäische Wildkatze.
- Wann wurde die Katze domestiziert?
- Der Prozess begann vermutlich vor rund 10.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond, mit dem Beginn von Ackerbau und Vorratshaltung. Ein Grab auf Zypern mit Mensch und Katze wird auf etwa 9.500 Jahre datiert.
- Sind Katzen wirklich domestiziert?
- Weniger stark als Hunde oder Nutztiere. Hauskatzen unterscheiden sich genetisch und anatomisch nur wenig von ihren wildlebenden Vorfahren und können in vielen Regionen problemlos wieder verwildern. Fachlich wird oft von einer teilweisen oder Selbstdomestikation gesprochen.