Ernährung

Katzenfutter ohne Getreide: sinnvoll oder Marketing?

Getreidefrei klingt nach artgerecht. Die entscheidende Zahl steht aber woanders auf der Packung - beim Kohlenhydratanteil insgesamt.

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“Grain free” prangt inzwischen auf einem großen Teil der Regalfläche. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Die Katze ist ein strikter Fleischfresser, in ihrer natürlichen Beute kommt Getreide praktisch nicht vor. Nur führt der Umkehrschluss - getreidefrei gleich artgerecht - in die Irre.

Was Katzen mit Kohlenhydraten machen

Katzen sind obligate Karnivoren. Ihr Stoffwechsel ist auf Protein und Fett als Energiequelle ausgelegt. Die Enzymausstattung für Stärke ist begrenzt: Katzen produzieren keine Speichelamylase, und die pankreatische Amylaseaktivität liegt deutlich unter der von Hunden.

Verwerten können sie Stärke trotzdem, sofern sie aufgeschlossen ist - also gekocht oder extrudiert, wie es bei industrieller Futterherstellung ohnehin geschieht. Rohe Stärke passiert den Darm weitgehend unverdaut. Die Frage ist also nicht, ob Katzen Getreide vertragen, sondern wie viel davon sinnvoll ist.

Der eigentliche Knackpunkt: die Menge

Getreide im Katzenfutter erfüllt zwei Funktionen. Es liefert günstige Energie, und es sorgt bei Trockenfutter für die technische Bindung - ohne Stärke lässt sich keine stabile Krokette extrudieren. Deshalb ist völlig kohlenhydratfreies Trockenfutter praktisch nicht herstellbar.

Ein Trockenfutter mit 40 Prozent Kohlenhydraten bleibt ein Trockenfutter mit 40 Prozent Kohlenhydraten, egal ob die Stärke aus Weizen, Kartoffel oder Erbsen stammt. Genau hier liegt der Denkfehler beim Etikett “getreidefrei”: Ersetzt wird die Quelle, nicht die Menge.

Womit Getreide ersetzt wird

Die gängigen Alternativen:

  • Kartoffel und Süßkartoffel - stärkereich, vergleichbare Kohlenhydratlast
  • Erbsen und Erbsenprotein - liefert zusätzlich pflanzliches Protein, das den deklarierten Rohproteinwert hebt, ohne den Fleischanteil zu erhöhen
  • Tapioka und Maniok - fast reine Stärke
  • Linsen und Kichererbsen - stärkereich, teils blähend

Besonders Erbsenprotein verdient Aufmerksamkeit. Es hebt die Proteinzahl auf dem Etikett, ist aber im Aminosäureprofil für Katzen weniger wertvoll als tierisches Protein. Ein hoher Rohproteinwert ist deshalb kein Qualitätsbeleg, solange man nicht weiß, woher das Protein kommt. Wie man das prüft, steht unter Deklaration lesen.

Wann getreidefrei wirklich Sinn ergibt

Es gibt Fälle, in denen der Verzicht begründet ist:

  • Nachgewiesene Futtermittelunverträglichkeit auf ein bestimmtes Getreide. Das ist seltener als angenommen; die häufigsten Auslöser bei Katzen sind tierische Proteine wie Rind und Fisch, nicht Weizen.
  • Diabetes mellitus. Hier ist ein niedriger Kohlenhydratanteil therapeutisch relevant, allerdings in Abstimmung mit der behandelnden Praxis.
  • Ausschlussdiät zur Diagnostik, wo bewusst mit einer stark reduzierten Zutatenliste gearbeitet wird.

In diesen Fällen geht es aber um eine gezielte Auswahl, nicht um ein Regallabel.

Die bessere Frage

Statt “enthält es Getreide?” führt eine andere Frage weiter: Wie hoch ist der Fleischanteil, und wie viel Energie kommt aus Kohlenhydraten?

Ein Nassfutter mit 70 Prozent Fleisch und etwas Reis ist ernährungsphysiologisch klar besser als ein getreidefreies Trockenfutter, dessen erste drei Zutaten Kartoffel, Erbsenprotein und Geflügelmehl sind.

Wer Kohlenhydrate wirklich niedrig halten will, erreicht das am zuverlässigsten über den Anteil an Nassfutter - siehe Nassfutter oder Trockenfutter. Nassfutter kommt technisch ohne größere Stärkemengen aus, weil es nicht extrudiert werden muss.

Fazit

Getreidefrei ist ein Auswahlkriterium unter vielen und für sich genommen kein Qualitätsmerkmal. Wichtiger sind ein bezifferter, hoher Fleischanteil, eine nachvollziehbare Deklaration und ein Kohlenhydratanteil, der zur Katze passt. Wer sich am Regal an diesen drei Punkten orientiert, trifft die bessere Wahl - mit oder ohne Getreide auf der Zutatenliste.

Häufige Fragen

Ist Getreide für Katzen schädlich?
In üblichen Mengen und aufgeschlossener Form ist Getreide für gesunde Katzen nicht schädlich, aber auch nicht nötig. Problematisch wird es, wenn es einen großen Teil der Energie liefert und den Fleischanteil ersetzt, oder wenn eine individuelle Unverträglichkeit vorliegt.
Woran erkenne ich eine Getreideunverträglichkeit?
Typisch sind wiederkehrender Durchfall, häufiges Erbrechen und juckende Hautstellen ohne Parasitenbefund. Nachweisen lässt sich das nur über eine mehrwöchige Ausschlussdiät unter tierärztlicher Begleitung, nicht über Bluttests aus dem Internet.
Ist getreidefreies Futter teurer?
Meistens ja, aber der Aufpreis sagt nichts über die Qualität. Es gibt getreidefreies Futter mit hohem Kartoffel- und Erbsenanteil, das ernährungsphysiologisch schlechter dasteht als ein getreidehaltiges Futter mit hohem Fleischanteil.